Titelbild METAMORPHOSIS OF THOUGHT I
Stiftung Kai Dikhas
04.06.2026
16:00 Uhr

Metamorphose des Denkens

exhibition

Die Metamorphose des Denkens ist eine tiefgreifende, schrittweise Transformation des Geistes, die von starren, alten Überzeugungen über Unbehagen und Erkunden zu einem neuen, integrierten Zustand der Erkenntnis und Selbstwahrnehmung führt. Ausgelöst durch provokative Herausforderungen oder bewusste Anstrengungen spiegelt dieser Prozess biologische Veränderungen wieder und ermöglicht es dem Einzelnen, seine Identität, seine Perspektiven und seine mentale Landschaft neu zu gestalten, um den gesellschaftlichen Fortschritt und Inklusion zu fördern und Rassismus und Antiziganismus zu bekämpfen.

Anlässlich des 15-jährigen Jubiläums von Kai Dikhas soll diese Ausstellungen eine breitere Perspektive auf die Arbeit der Stiftung und ihren Kontext herstellen. Historische Kunstwerke treten in einen Dialog mit zeitgenössischer Kunst und zeigen das Weiterdenken der Künstler*innen, die an den Wandel und die Gestaltbarkeit von gesellschaftlichem Zusammenleben und und unserer Welt glauben.

Im Zentrum der Ausstellung steht ein Gast: Der griechische Künstler Christophoros Katsadiotis mit seiner Druck-Werkstatt. Der Ausstellungsraum soll zu einem Ort und eine Art lebendem Organismus künstlerischer Produktion werden. Christophoros Katsadiotis nutzt gefundenen Bilder und Erinnerungen aus denen er Neues collagiert. Fundstücke und traditionelle Bilder formen sich zu seiner eigenen neuen Welt. Aus der Synthese des alten entsteht etwas Neues. Ganz ähnlich wie in der Arbeit von Kálmán Várady, der mit gefundenen oftmals christlichen Figuren seine so genannten Gypsy Warrior schafft, bearbeitet Christophoros Katsadiotis neben traditionellen griechische Motive oftmals Christlich-orthodoxe Ikonen. In der Ausstellung spielt also das Thema der Religion eine besondere Rolle. Historisch betrachtet waren religiöse Darstellung in der Kunst oft hegemonial. Für die Kunst Produktion war die Kirche Auftraggeber. Christliche und religiöse Motive bestimmten die Bildwelt der Menschen. Die Ausstellung zeigt Umformung christlicher Motive, oder die Veränderung ihrer Bedeutung in der heutigen Zeit. Oftmals werden solche Bilder als provokativ verstanden, auch wenn die Bearbeitung von klassischen christlichen oder religiösen Motiven durch Künstler durchaus respektvoll gemein sind, und eben ein Teil einer denkerischen Metamorphose und Umformung von historischen Bildwelten sind.

So wird in der Ausstellung ein Bild des deutschen Künstlers Otto Pankok aus seinem Passions Zyklus gezeigt. Die Kohlezeichnung Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? stellt den von den Nationalsozialisten am Anfang der Diktatur inhaftierten und gefolterten kommunistischen Düsseldorfer Künstler Karl Schwesig dar. Pankok griff das christliche Motiv auf, um den damals aktuellen  Kontext politisch zu kommentieren. In Düsseldorf war das Gesicht dieses Künstlers bekannt, das Bild wurde so zu einer unmissverständlichen Botschaft. Otto Pankok nutzte die Passions-Geschichte als ein Material, um während der nationalsozialistischen Zeit einen Zyklus zu schaffen, der letztendlich zum Widerstand gegen die totalitäre Herrschaft aufrief. Die Ausstellung der Reihe „Die Passion“ wurde von den Nationalsozialisten untersagt und nur knapp konnte das Bild vor der Beschlagnahmung gerettet werden. Die dramatischen Erfahrungen des 21. Jahrhunderts von Genozid, Krieg und Vertreibung, erschütterten für Viele ihren Glauben an Gott. Die Sintizza Petra Rosenberg berichtet in einem Radiobeitrag in der Ausstellung über den Zweifel und Glauben ihres Vaters, Otto Rosenberg während seiner Inhaftierung in den Konzentrationslagern.

Der französische Rom Gabi Jiménez hat mit seiner Arbeit KT DRALE – Notre Dame des expulsions Entwürfe für Kirchenfenster geschaffen, die Vertreibungen, Ausgrenzung und die Verfolgung von Sinti und Roma zeigen. Denn leider wurden historisch gesehen solche Verfolgung und Ausgrenzung oft im Namen der Religion ausgeführt und die meist tiefgläubigen Sinti in Deutschland konnten sich nicht der Solidarität der Kirche sicher sein. Zum Beispiel ist die Deportation von 35 Sinti Kindern aus dem katholischen St. Josef Jugendheim in Mulfingen im Jahr 1944 bekannt. Das Motiv des Heiligen Georg, des Drachentöters wurde (und wird z.T. heute noch) als Symbol für den Kampf gegen die in Ungläubigen verwendet. Bei Christophoros Katsadiotis erlegt der Heilige Georg aber nicht einen Drachen, sondern er betätigt sich als Schmetterlingsfänger, wobei der Schmetterling ein Symbol für die Metamorphose, die Vergänglichkeit, aber auch für Zauber und Wiedergeburt ist. Die Ikonen des Christophoros Katsadiotis provozierten 2025 im Athener Nationalmuseum einen Skandal: Der Abgeordneter der rechtsextremen Partei Niki (Partei des Sieges), Nikos Papadopoulos, randalierte in der Ausstellung und riss einige seiner Bilder zu Boden. Eine breite politische Einheit von konservativen bis linken Politiker*innen stellten sich schützend vor die Kunstfreiheit und kritisierten den Akt. Diese Bilder sind heute auch Bestandteil der Ausstellung Metamorphose des Denkens. Das Punk Gebet der russischen Band Pussy Riot in der Moskauer Erlöser Kathedrale am 21.2. 2012 gegen die Allianz der Russisch-Orthodoxen Kirche mit dem Putin Regime führte zu der mehrjährigen Inhaftierung der Bandmitglieder. In ihrem veröffentlichten Video ist zu hören „Mutter Gottes, Jungfrau, verjage Putin“ und „Der Patriarch glaubt an Putin, obwohl er an Gott glauben sollte.“ Stellvertretend für das Kollektiv ist Marija Aljochina in die Künstler*innenliste aufgenommen.

Als einer der Begründer kritischer Kunst, ja als Vorläufer der Moderne insgesamt gilt vielfach der von der französischen Aufklärung beeinflusste spanische Künstler Francisco de Goya. Insbesondere dessen Karikatur-haften und surrealen Grafiken beginnend mit der Serie Die Capricchos hielten der der festgefahrenen spanischen absolutistischen Gesellschaft einen kritischen Spiegel vor. In der Ausstellung wird seine vollständige letzte Serie Disparates, die Ungereimtheiten gezeigt, die in ihrer künstlerischen Freiheit ihrer Zeit voraus war. Vier der Platten veröffentlichte er in Spanien nie, nahm sie aber mit ins französische Exil, wo sie erst 1877 in Paris posthum veröffentlicht wurden. Auch diese Werke sind Teil der Ausstellung. Die surreale und abseitige Bildwelt von Christoforos Katsadiotis erinnert durchaus an Goya. Ebenso lässt sich inhaltliche und ästhetische Verwandtschaft zu den Künstler*innen Delaine Le Bas und Luna De Rosa finden, die wie Katsadiotis oft in Collagen arbeiten. Wie Katsadiotis lässt Le Bas mit Bildern unseres Alltags das Unheimliche aufscheinen. Kinderspielzeug und Puppen, oft in Collagen-artigen Installationen arrangiert, erzeugen ein Gefühl der Angst und Ausgrenzung. Ausgestellt wird eine sowohl für die Sammlung Kai Dikhas als auch die Arbeit der Stiftung ikonisches Werk, die Installation Which Hunt der Künstlerin, die die Hexenverfolgung thematisiert. Während Delaine Le Bas und ihr Ehemann und künstlerischer Weggefährte Damian Le Bas seit Beginn von Kai Dikhas zentrale einflussreiche Künstler der Gruppe waren, gibt es heute jüngere Künstler wie Luna De Rosa, die wie Le Bas ebenfalls in Textilkunst und Performance, die Methodik der Collage nutzt, um in ihrer Kunst Systeme der Unterdrückung zu entlarven. Die beiden Künstlerinnen sind unterschiedlicher Generation, aber schafften einen ähnlichen Kosmos, der die Angst und Unterdrückung hegemonialer Systeme mit Kunst aufspürt und zu Wandel aufruft.

Der brasilianische Künstler Brunn Morais ist genauso Künstler wie Wissenschaftler. In seiner Arbeit  Das Fenster der Liebe beschäftigt er sich mit der Geschichte der portugiesischen Nonne und Äbtissin Maria do Alcoforado. Bekannt geworden durch die Lyrik ihrer in Französisch verfassten Liebesbriefe,  scheiterte nicht nur ihre Liebe, sondern ihr als Frau wurde sogar aufgrund der Qualität der Sprache der Briefe von der damaligen Öffentlichkeit die Autorenschaft aberkannt. Sie wurde schließlich Äbtissin ihres Klosters. David Weiss propagiert das reine Sehen als Denken. Neben Holzschnitten präsentiert der Gypsy-Dadaist einen Kometen aus Schrott, der sich als Lichtzeichen einer neuen Zeit den Galerieraum performativ queren wird.

Das berühmte im Louvre ausgestellte Gemälde von Theodore Géricault, Das Floß der Medusa, ist ein ikonisches Werk der französischen Kunstgeschichte und zugleich ein frühes Beispiel für politische Kunst. Der Maler war davon besessen, ein tragisches Ereignis der französischen Kolonialgeschichte darzustellen, bei dem ein Expeditions-Schiff, welches die nach Napoleon von Großbritannien verwalteten westafrikanischen Kolonien Frankreichs wieder in Besitz nehmen sollte, 1816 auf einer bekannten Sandbank strandete. Die Schuld lag beim Kapitän, der zwar noch unter König Ludwig XVI. gedient hatte, aber seit der Revolution kein Schiff mehr befehligt hatte. Der neue Marineminister hatte Hunderte von napoleonischen Offizieren entlassen und durch loyale aristokratische Veteranen des Ancien Régime ersetzt. Frankreich war tief gespalten zwischen radikalen Royalisten auf der einen Seite und Bonapartisten und Liberalen auf der anderen. Der Bericht des Schiffsarztes Jean-Baptiste Henri Savigny und des Ingenieurs Alexandre Corréard von dem Disaster wurden zu Bestsellern, und der Schiffbruch der Méduse wurde zum Symbol für die Übel der Restauration. Es führte zum Sturz des Marineministers und zur Massenentlassung seiner Protegés. Dieses Gemälde machte nicht nur erneut auf den empörenden Vorfall aufmerksam, sondern der zentrale Held von Géricaults Gemälde ist ein schwarzer Mann, der die Rettung für die verzweifelten Schiffbrüchigen sieht, was in der damaligen Zeit eine Provokation war.

Die Überwindung von Rassismus und Ausgrenzung ist eine Ziel und eine Triebfeder, der Bewegung der Künstlerin und Künstler, die Angehörige der Minderheit der Sinti und Roma sind. Ihre selbst Bilder konfrontieren die in der Gesellschaft vorherrschenden Stereotypen über die Minderheiten mit einem lebendigen Selbstbild. Sie tragen zu einer Metamorphose des Denkens aktiv bei. Die Künstlerinnen und Künstler konstruieren eine neue Form einer offenen Gesellschaft, sie ermöglichen uns ein respektvolles und offenes, einander neugieriges Zusammenleben. Ganz im Sinne der Aufklärung ist diese Bewegung eine Selbst-Ermächtigung der Künstlerinnen.

Ganz am Anfang der Ausstellung steht inmitten der Kunst eine Druckerpresse als ein Werkzeug künstlerischen Arbeitens, der Reproduktion und Vervielfältigung. Seit 15 Jahren ist Kai Dikhas, auf Romanes in etwa Der Ort des Sehens, ein Ort der Begegnung für Künstler*innen und ihr Publikum. Es ist ein Ort der Freiheit der Kunst, aber auch des Schaffens und Arbeitens, denn es ist viel zu tun.

Kurator Moritz Pankok
 

Infos

Eintritt frei

Zugang

Stiftung Kai Dikhas & Kunstraum Dikhas Dur , Aufbau Haus am Moritzplatz, Prinzenstr. 84.2, 10969 Berlin

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